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Wernstedt-Interview zur Arbeitszeiterhöhung: Lehrer können keine Kritik vertragen und sind privilegiert

Proteste gegen ungerechtfertigte Unterstellungen und Vorurteile

Prof. Dr. Wernstedt, einst niedersächsischer Kultusminister, hat sich wenige Tage vor Weihnachten in einem Interview mit der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung (HAZ) über Lehrer in einer Weise geäußert, das man wohl schwerlich als weihnachtliche Grußadresse und Friedensbotschaft des ehemaligen Dienstherren an "seine" Lehrer deuten kann; eher als Abrechnung mit einer von ihm offenbar nicht sonderlich geschätzten Klientel.

Da liest man so markante Sätze wie: "Bei der Sichtweise der Lehrerinnen und Lehrer auf ihren eigenen Beruf ist auffällig, dass die beherrschende öffentliche Wahrnehmung der Selbsteinschätzung die Klage ist – zu große Klassen, zu viele Tests, zu viele Anforderungen durch eine zu selbstbewusste Elternschaft. Und, und, und. Man kann das als quasi selbstreferenzielles negatives Befindlichkeitssyndrom bezeichnen."  Und in diesem Stil und mit ähnlichen Äußerungen geht es bei Wernstedt weiter, was die regierungsfreundliche HAZ natürlich geradezu genüsslich ihren Lesern zur Kenntnis bringt.

Proteste von Lehrern, aber auch Stellungnahmen aus der Öffentlichkeit konnten dazu nicht ausbleiben, und sie blieben nicht aus, wie die nachfolgenden Reaktionen bespielhaft zeigen: Hansjörg Rümelin, Mitglied des Hauptvorstandes des Philologenverbandes Niedersachsen, hat in einem Leserbrief an die HAZ die Stimmung unter den Lehrerinnen und Lehrern besonders treffend charakterisiert:

"Wer davon ausgeht, dass Rolf Wernstedt, immerhin über Jahre hinweg Präsident des Niedersächsischen Landtags, Kultusminister, bildungspolitischer Sprecher der SPD-Fraktion im Niedersächsischen Landtag und Honorarprofessor an der philosophischen Fakultät der Leibniz Universität Hannover, seine Worte abwägt, wenn er sich in einem Interview zu Fragen seines einstigen Zuständigkeitsbereiches äußert, sieht sich mehr als irritiert.

Wir wissen nicht, worauf sich sein Glaube gründet, die Lehrerschaft besitze ein verunsichertes Selbstwertgefühl. Auch wie er zu der Erkenntnis gelangt ist, es fehle Lehrerinnen und Lehrern an Erfahrungen im Umgang mit Kritik und Kontrolle, die andere an gewöhnlichen Arbeitsplätzen besäßen, bleibt uns leider verborgen. Uns ist ebenso unbekannt, worauf er sein durch pauschale Behauptungen geprägtes Lehrerbild stützt, das in der Pseudodiagnose gipfelt, sämtliche Lehrerinnen und Lehrer litten unter einem selbstreferenziellen negativen Befindlichkeitssyndrom und insbesondere die Gymnasiallehrer unter einer schweren narzisstischen Kränkung, seien also krank und behandlungsbedürftig.

Solche Unterstellungen sind nicht nur inhaltlich beschämend und denkbar schlechter Stil, sondern haben nichts im Zusammenhang einer politischen Kontroverse in einer demokratischen Gesellschaft verloren. Wer milde zur Mediation rät, selbst aber Öl ins Feuer gießt mit ehrabschneidenden Behauptungen, die einmal in die Welt gesetzt, kaum zurückzunehmen sind und gleichzeitig die berechtigte Kritik an politischen Fehlentscheidungen völlig ausblendet, läuft Gefahr, seine eigene Glaubwürdigkeit zu demontieren.

Auch sei höflich daran erinnert, dass es heute, ganz im Gegensatz zu den Protesten der Vergangenheit, eben nicht nur Lehrkräfte, sondern auch ebenso klar denkende Schülerinnen, Schüler und Eltern sind, die sich für ihre berechtigten Bildungsinteressen zu Tausenden einsetzen und aufmerksam registrieren, wie darauf seitens der Vertreter der regierungstragenden politischen Parteien reagiert wird."

Auch der Generalsekretär der niedersächsischen CDU hält Wernstedt einen Spiegel vor. Dabei gibt Wernstedt ebenfalls kein gutes Bild ab, um das man ihm neiden könnte, wie der Bericht aus dem "bundespresseportal.de" vom 30.12.2013 zeigt:

Wernstedt bedient beleidigende Vorurteile gegen Lehrer / CDU-Generalsekretär Ulf Thiele nimmt Lehrerschaft vor Kritik in Schutz
Auf deutlichen Widerspruch stößt der frühere SPD-Kultusminister Wernstedt mit seiner These, der Lehrerschaft fehle es im Umgang mit Kritik an Erfahrung, bei CDU-Generalsekretär Ulf Thiele. In einem Interview, das am Freitag in der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung erschienen ist, hatte Wernstedt den Pädagogen ein "selbstreferenzielles negatives Befindlichkeitssyndrom" und der Gymnasiallehrerschaft eine "schwere narzisstische Kränkung" attestiert. Ulf Thiele weist dies in einer Pressemitteilung der Landes-CDU als "pseudowissenschaftlichen Versuch eines gescheiterten Bildungspolitikers" zurück, "den berechtigten Protest von Lehrern, Eltern und Schülern gegen die Politik der rot-grünen Landesregierung kleinzureden."

"Wernstedts verunglücktes Psychochogramm der Lehrerschaft hat offensichtlich das Ziel, beleidigende und falsche Vorurteile gegen unsere Pädagogen zu bedienen. Von der sicheren Altersversorgung über Kritikunfähigkeit bis hin zur Protesthanselei findet sich in diesem Interview fast alles wieder, was in unserer Gesellschaft den Beruf des Lehrers seit Jahrzehnten diskreditiert", kritisiert Ulf Thiele den früheren SPD-Kultusminister. Dessen Attacke auf die Lehrerschaft diene ausschließlich parteipolitischen Zielen. "Die Motivation Wernstedts, seiner mehr als unglücklich wirkenden Parteifreundin, Kultusministerin Heiligenstadt, helfend beizuspringen, lässt das Interview regelrecht peinlich erscheinen und macht sein Urteil über unsere Lehrer völlig unglaubwürdig. Die Proteste gegen die rot-grüne Bildungspolitik haben offenbar ein solches Ausmaß angenommen, dass sie für Wernstedts Partei zu einem handfesten politischen Problem werden", so Ulf Thiele.

Der CDU-Generalsekretär, selbst Mitglied des Kultusausschusses des Niedersächsischen Landtages, empfiehlt dem früheren Kultusminister, er möge sich "vor weiteren öffentlichen Äußerungen zur Bildungspolitik mit der heutigen Lebenswirklichkeit der Lehrerschaft vertraut machen. Sowohl innerhalb des Systems Schule und durch die Landesschulbehörde sowie von Seiten einer selbstbewussten und kritischen Elternschaft und von den Schülervertretungen wird die Arbeit unserer Lehrer heute ständig kritisch hinterfragt. Es gehört zu deren Arbeit, damit konstruktiv und selbstbewusst umzugehen." Zudem seien die Schulen neben ihrer zentralen Aufgabe der Vermittlung von Wissen und Kompetenzen mehr denn je mit sozialpädagogischen Aufgaben befasst. "Mit der Schule zu Wernstedts Zeit ist die Arbeit der Lehrer heutzutage nicht ansatzweise vergleichbar", stellt Ulf Thiele fest und schreibt dem früheren SPD-Kultusminister ins Stammbuch: "Hätte er geschwiegen, wäre er ein Philosoph gewesen. Mit diesem Interview hat er sich jedoch zum bildungspolitischen Leichtgewicht degradiert."