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FDP und Philologenverband zwingen Minister zum Offenbarungseid

Eine Antwort der Landesregierung auf eine parlamentarische Anfrage der FDP-Landtagsfraktion hat jetzt erwiesen, wie die Öffentlichkeit bisher durch das Kultusministerium in geradezu skandalöser Weise über die wahren Ausmaße von Lehrerabordnungen von den Gymnasien an andere Schulformen auch für das kommende Schuljahr getäuscht worden ist.

Dass die zuvor von Minister Tonne benannten Zahlen zu Unterrichtsversorgung und Abordnungen nicht stimmen können, hatte der Philologenverband bereits vor einem Monat anhand eigener Recherchen aufgedeckt und scharf kritisiert. „Auf gemeinsamen Druck von FDP und Philologenverband musste der Kultusminister jetzt mit Zahlen ans Tageslicht kommen, die angesichts seiner monatelangen öffentlichen Beteuerungen, die Abordnungen würden im neuen Schuljahr massiv gesenkt und praktisch beendet, fassungslos machen: Das Ausmaß der Abordnungen wird im kommenden Schuljahr nochmals deutlich erhöht und damit schlimmer sein als bisher schon, was einem Offenbarungseid des Ministers gleichkommt“, erklärte der Vorsitzende des Philologenverbandes Niedersachsen, Horst Audritz.

Nach Angaben des Ministeriums müssen im neuen Schuljahr nach derzeitigem Stand statt bisher schon knapp 5.500 Stunden nunmehr etwa 8.700 Stunden vom Gymnasium an andere Schulformen abgeordnet werden, was einer Steigerung von 58 Prozent entspricht. Dabei bleibt die Zahl der Abordnungen an die Grundschulen auf dem gleichen hohen Stand wie im Vorjahr, bei den Abordnungen an Gesamtschulen steigt sie aber um 89 Prozent und an Haupt-, Real- und Oberschulen sogar um unglaubliche 106 Prozent. Diese immense Zahl an Abordnungsstunden, so Audritz, wirke sich höchst negativ auf die Unterrichtsversorgung an den Gymnasien aus. Die ursprünglich genannte Zahl von mindestens 100 Prozent Unterrichtsversorgung werde nun vom Minister sukzessive nach unten korrigiert und sich spätestens zu Beginn des neuen Schuljahres vollends als Illusion erweisen. 


„Minister Tonne und sein Haus verstricken sich immer weiter in Verschleierungsversuchen und Schönrederei bar jeder Realität. Wie kann es sein, dass das Ministerium mit den dortigen personellen wie methodischen Möglichkeiten keine belastbaren Zahlen erheben kann, wenn der Philologenverband die jetzt eintretende Entwicklung nahezu exakt prognostiziert hat“, fragte Audritz. Der Minister habe schon im ersten Amtsjahr mit diesen statistischen Ränkespielchen zulasten der Lehrer und Schüler seine Glaubwürdigkeit aufs Spiel gesetzt.


„Momentan werden die Abordnungen erneut aufgrund des Vergleichs der rein statistischen Unterrichtsversorgung durchgeführt. Das ist jedoch nicht sachgerecht und genau das Gegenteil von dem, was der Minister noch im Frühjahr 2018 gegenüber dem Philologenverband für vernünftig hielt“, unterstrich Audritz. Deutlichstes Anzeichen mangelnder Vergleichbarkeit der statistischen Unterrichtsversorgung zwischen den Schulformen sei, dass manche Schulen die zu ihnen abgeordneten Lehrer im Unterricht nicht einsetzen könnten, weil es dort keinen realen Bedarf gebe. „Hierbei handelt es sich nicht etwa um Einzelfälle, wir haben von nicht wenigen Gymnasien die Rückmeldung, dass ihre Abordnungen als unnötig bezeichnet und sogar zurückgewiesen wurden“, so Audritz.
 

Die Folgen der ministeriellen Fehlplanungen und sachwidrigen Entscheidungen seien derzeit noch nicht abschließend absehbar. Es gelte aber aufgrund der Erfahrungen aus den Vorjahren als sicher, dass es weitere kurzfristige Abordnungen und ständig wechselnde Bedarfszahlen geben werde, die den Schulen konkrete Unterrichtsplanungen so gut wie unmöglich machten. „Angesichts dieser ministeriell zu verantwortenden Situation werden wir wieder erleben müssen, dass an Gymnasien pädagogisch unsinnige Klassenzusammenlegungen vorgenommen werden müssen, dass Pflichtunterricht gekürzt werden muss oder ganz ausfällt und dass Ganztagsangebote und AGs sowie Fördermaßnahmen erheblich eingeschränkt oder gestrichen werden müssen“, warnte Audritz.
 

Der Philologenverband forderte Minister Tonne daher erneut auf, noch vor Beginn des neuen Schuljahres zu handeln, die realen Bedingungen an den Schulen zu analysieren und sich nicht weiter hinter offenkundig fehlerhaften und geschönten Zahlen zu verstecken. „Herr Minister, stellen Sie sich der Realität an unseren Schulen, nutzen Sie unsere Ihnen vorliegenden Handlungsvorschläge zur Verbesserung der Unterrichtsversorgung an allen Schulformen und sichern Sie so eine gute, wettbewerbsfähige und zukunftssichere Bildung für Niedersachsens Schüler“, appellierte Horst Audritz eindringlich.

Pressemitteilung als PDF


Übersicht zu den Abordnungen von Gymnasien an andere Schulformen für das Schuljahr 2018/2019

Antwort der Landesregierung auf Anfrage der FDP zu Abordnungen und Unterrichtsversorgung: Drucksache 18/1234

Lesen Sie dazu auch den Bericht auf news4teachers.de: „Übertrifft schlimmste Befürchtungen“: Lehrerverbände sehen neues Abordnungschaos nach den Sommerferien voraus